Es ist Home-Office-Zeit im Hause Erdogan. Es findet Konzentration statt.
Angestrengte. “Anne, biliyor musun?” – “du, Mama, ich muss dir unbedingt was
zeigen!” – “daddy, I need help” – “anne. aaannneee. anne?” – “outside”.
Selbstverständliche Phrasen von natürlichen Bedürfnisbekundungen kleiner
Menschen. Erkläre ihnen jemand Home-Office und Corona.
– Keine Klageschrift, sondern eine Lageschrift.

Derzeit ist angesichts der pandemischen Verbreitung des Corona-Viruses eine globale Notbremse seitens der Regierungen aller Herren Länder gezogen. Die Abläufe des
Pandemieplans sich in freiwillige (!) häusliche Quarantäne zu begeben, um so die virale
Ausbreitung durch systematisch und diszipliniert durchgeführte soziale Distanz zu
verlangsamen, um das Gesundheitssystem vor einem Kollaps zu schützen.

Dies bedeutet für alle außer der Fachkräfte der Daseinsfürsorge Arbeiten im Home-Office
(HO). Aktuell kursieren viele Schriften, die Handlungsempfehlungen beinhalten, im HO so effektiv wie möglich zu arbeiten. In einigen Artikeln lassen sich auch wichtige Hinweise zur physischen und mentalen Gesundheit lesen, die nicht unbeachtlich sind. Hierauf werde ich nicht eingehen, diese Beiträge können sie gesondert lesen.

Ich sehe eigentlich keine besondere Herausforderung im mobilen Arbeiten. Die meisten
Menschen können wunderbar vom heimischen Arbeitszimmer ihre Meetings, Calls,
Conferences etc. managen, mailen, telefonieren und schreiben. Dass videobasierte Meetings
ermöglichende Unternehmen derzeit einen Boom und so einen unglaublichen
Wirtschaftswachstum erfahren, sei so nebenbei erwähnt.

Zurück zum Setting des HO. Eine ernst zu nehmende Schwierigkeit dürfte sich
möglicherweise in der anfänglichen Selbstdisziplin äußern. Um ein konkretes Bild zu
evozieren: dass man daheim arbeitet ohne sich von Netflix und Chips (ich übertreibe
bewusst!) ablenken zu lassen. Nach ein, zwei fehlgeschlagenen HO-Arbeitstagen dürfte sich
jede vernünftige Person besinnen, sich seines Arbeitsauftrages und Work Loads zu erinnern
und zu einem relativ geregelten Arbeitsalltag wiederzufinden und neue der aktuellen Umgebung angepasste Routine zu etablieren.

Die eigentliche Herausforderung erleben meines Erachtens Familien mit (kleinen) Kindern,
wo beide Partner berufstätig sind und beide im gemeinsamen HO arbeiten. Wo gerade alle
Kindergärten und Schulen geschlossen haben – (Update zur gestrigen Version des Beitrages):
aktuell wurde beschlossen die Schließzeit um weitere zwei Wochen zu verlängern, d.h. ab
dem heutigen Zeitpunkt weitere vier Wochen sind die Kinder gemeinsam mit den arbeitenden
Eltern daheim – ist es schwierig insbesondere den physischen und psychischen Bedürfnissen
jüngerer Kinder vor allem im Kita-Alter gerecht zu werden: regelmäßig gesundes Essen, Körperpflege, Unterhaltung, Vorlesesessions, kreative und sportliche Aktivitäten, Ausflüge,
Kollaboration (Freunde!) und Kommunikation, “Kuscheln, Schlafengelegtwerden, Lust nach
Musizieren, Singen, Tanzen und Lautsein – einfach das einfache Kindsein. Erfahrungsgemäß
bestehen die Selbstbeschäftigungsphasen bei Krippen- und Kindergartenkinder aus
durchschnittlich 30 Minuten – und da ist i.d.R. mehr Luft nach unten als nach oben.

Spezifisch bei jüngeren Kindern, die keine Schulkinder sind, ist Selbstbeschäftigung zum Teil eine Zumutung. Bei Kindern im Schulalter sieht meines Erachtens der Beschäftigungsgrad etwas anders aus; sicherlich variiert es hier wieder basierend auf Merkmalen wie Alter, Klasse,
Geschlecht, Wissen, Selbstdisziplin und „Wissensdurst“.

Dennoch dürfte bzw. sollte es Lernpakete geben, die entweder von der (vorbildlichen) Schule
versandt oder von den Eltern auf Eigenregie und zusätzlichem Zeit- und Ressourcenaufwand
zusammengetragen werden. Schließlich setzt die Schulpflicht nicht aus wegen eines
gekrönten Viruses, lediglich das Format und die Plattform des Lernens ändert sich. Zwar
etwas abrupt und unverhofft – aber unverhofft kommt oft.

Diese Lernphase dürften gut gemanagt und strukturiert ein bestimmtes Zeitfenster für die
Erwachsenen zum Arbeiten eröffnen – da entscheide man, ob Arbeiten im Haushalt, für die
Kinder oder für den Job. Letztendlich ist alles Arbeit. An dieser Stelle kommt wieder die
soziologische Debatte um die Definition von Arbeit zum Tragen: nur weil Menschen nicht
Entgelt für Tätigkeiten im Haushalt und das Erziehen ihrer Kinder erhalten, wird an dieser
Stelle nicht von Arbeit gesprochen. Hier sollten wir auch innehalten und justieren. Dazu gibt
Corona gerade Anlass.

Elternsein ist hier nicht Gegenstand dieses Diskurses, sondern das Nachkommen elterlicher
und beruflicher Pflichten parallel und ohne zusätzliche Unterstützung. Unerwähnt an dieser
Stelle, aber de facto existierend, ist die Pflege der Partnerschaft. Wenn diese Verbindung
bricht, wirkt sich das auf das gesamte Gefüge Familie, Kinder, Beruf und Zukunft aus.
Die Parameter, mit denen nun ein Gleichnis erstellt werden muss, sind also Folgende in der
Übersicht: Kind(er), Beruf, Partnerschaft und evt. sogar das Alleinerziehendsein, was faktisch
auch in der normalen Alltagsbewältigung Herausforderungen darstellt und in der derzeitigen
Situation eine zusätzliche Schwierigkeit ist.

Aktuell werden wir de facto unserem Arbeitspensum nicht gerecht (Stichwirt Kurzzeitarbeit).
Und familienfreundliche Unternehmen weisen sich heute so aus, dass sie sich dieser Situation
(hoffentlich) bewusst sind und mit entsprechender Kulanz reagieren. Eigentlich geht es hier
noch nicht einmal um Kulanz, sondern um Menschlichkeit. Zeit sich zurückzubesinnen.
Frage: Welches Zeit-/Managementmodell kommt hier zum Tragen? Wie können wir der
derzeitigen Lage gerecht werden und zusehen, dass wir physisch, psychisch und beruflich
nicht scheitern, sondern stabil bleiben?

Über die Folgen kollektiver Kita- und Schulschließungen für Kinder, Jugendliche und
deren Eltern muss aus pädagogischer, sozialarbeiterischer sowie soziologischer Perspektive
nachgedacht werden – gerade in Zeiten von Digitalisierung über Digitalisierung. An einigen
Stellen habe ich Vorschläge gelesen, wie Kinder in dieser Krisenzeit beschäftigt werden
können; dass es derzeit legitim sei, wenn das Kind länger Fern sähe oder beispielsweise
digitale Spiele spiele. Analytisch betrachtet handelt es sich hierbei um ein
Anpassungsvermögen an die neue Situation, eine Lebens- bzw.
Alltagsbewältigungsstrategie.

Dem Stress präventiv entgegen zu wirken bietet sich eine
solche Methode die Kinder zu beschäftigen als Anti-Stress-Coping-Lösung sehr gut an. Ehe
die Situation eskaliert sucht der Mensch nach einer möglichen und simplen Strategie. Diese
ist nachvollziehbar aus sozialarbeiterischer Sicht. Denn es werden lokal vorhandene
Ressourcen akquiriert in Zeiten, wo anderen Ressourcen des Netzwerkes nicht beansprucht
werden dürfen. Diese Strategie ist aus pädagogischer und soziologischer Perspektive
langfristig nicht gesund.

Der Grund, warum wir uns in der aktuellen Situation befinden, ist die Gesundheit der
Gesellschaft. Paradoxerweise kommt die mentale Gesundheit hier zu kurz.
Probleme erfordern Handlung und Haltung, um zu einer nachhaltigen Lösung zu gelangen.
Als Pädagogin sehe ich Schwierigkeiten, die mit einer längeren Mediatisierung von kleinen
Kindern einhergeht. Kinder gewöhnen sich schnell an Rituale und Abläufe. Deshalb ist z.B.
“YouTube as babysitter” mit starker und reduzierter Vorsicht zu genießen. Kinder im Alter
von vier Jahren beispielsweise schalten ab ca. 15 Minuten ab und ihre kognitive Kapazität
bzw. ihr Reaktionsvermögen sinkt rapide.

Ein bedeutender Punkt ist Zeit, die man aufbringen muss, wenn man das Kind nicht von
einem Bildschirm beschallen und es so verrohen lassen möchte. Wird oder ist Digitalisierung
nun der vierte Pädagoge, wenn der Raum nach Reggio-Pädagogik als dritter Pädagoge
definiert ist? Man möge das bitte nicht falsch verstehen: ich unterstütze innovative Formen
und Formate des Lernens – hier ist Digitalisierung ein essentielles Medium, was unsere
Didaktik gut unterstützen kann. Wichtig ist jedoch nach einem lernpädagogischen Konzept
die Digitalisierung bewusst einzusetzen. Und das bedeutet Zeit zu investieren und die Dinge
peu a peu entstehen zu lassen. Dieser Prozess muss meines Erachtens begleitet/angeleitet
werden von PädagogInnen und Eltern.

Ich sehe allerdings Formate, wo der physische Betreuungsraum in die digitale ´Welt
transformiert bzw. transferriert wird als ein Experiment, das es zu simulieren wert ist
(insbesondere, wenn die Quarantäne verlängert werden muss – derzeit steht vielerorts „bis auf
Weiteres geschlossen“). Folgende Konzeptskizze ist mir in den vergangenen Tagen in den
Sinn gekommen: eine virtuelle Kita, stunden- oder paketweise zu “buchen”, zu
verschiedenen Themenschwerpunkten, wie Musik, Singen, Bewegung, Atelier u.ä. Eine
pädagogische Fachkraft trifft ihre Schützlinge im virtuellen Gruppenraum und erarbeitet mit
ihnen die Themen. Maximal eine Stunde, als videobasiertes Format, wo die Kinder
miteinander sprechen können und so einer asymmetrischen Kommunikation (Beschallung)
entgegengewirkt wird.

Aber auch das zu testen bedarf eines Crowd Sourcings,
Ehrenamtlichen, die sich diesem Projekt annehmen möchten und können und es ausbauen
würden bis aus der Idee eine reife Geschäftsidee wird. Zeit ist hier erneut das Stichwort.
Abschließend möchte ich Folgendes unterstreichen: was bedeutsam ist neben der physischen
Gesundheit, die psychische Gesundheit, d.h. das soziale Wohlbefinden von Familien und
insbesondere jüngeren Kindern in den Blick zu nehmen und diese im heimischen Setting in
den Vordergrund zu stellen. Betrachten wir den Menschen aus einer biopsychosozialen Sicht
gilt es auch diese Situation aus diesem Narrativ heraus zu werten: der Mensch hat physische,
psychische und soziale Bedürfnisse. Oftmals werden Letztere zu kurz gesehen.

Dabei ist das soziale Setting, hier in diesem Beitrag die Lebenslage von Familien mit Kindern, zu schützen bedeutend. Ferner tangiert auch die in dieser Krisensituation vorherrschende Atmosphäre (Laune) im Heim das Miteinander, welches entscheidend für den psychischen Zustand ist. Die Parameter Eltern, Kind und Beruf sind derart interdependent, dass eine Veränderung beim Einzelnen (z.B. der Mutter) auf der Ebene des bio-psycho-sozialen, sich auf das Mikrosystem Familie und prospektivisch auf den Beruf auswirken kann. Wir müssen den Menschen also ganzheitlich, systemisch erkennen. Hierbei eine Chronologie oder einen Startpunkt zu definieren ist schwierig. Wichtig zu unterstreichen bleibt der Punkt den Prozess als zirkulär zu erkennen.

Um die Folgen der Krise für Kinder und Familien zu minimieren, gilt es zu priorisieren und vielleicht etwas seinen Lebensweg zu innovieren. Gerade jetzt heißt es, beruflich kürzer zutreten, sich in Geduld zu üben, Minimalismus kennen zulernen, von Verschwendung abzusehen (Ressourcenknappheit), die Natur zu schonen, bewusster zu leben und sich Zeit zu nehmen für die Familie. Ein kurzer, aber wichtiger Nebensatz noch: sich von Fake News zu distanzieren, schützt die mentale Gesundheit! Denn auch diese (oder insbesondere diese!) beeinflussen das psychische Befinden.

In diesem Sinne: bleibt gesund! Für die Kinder. Denn sie sind unsere Zukunft.

Gastautorin: Yasemin Erdogan – Magistra Artium, Informationswissenschaften-/-Studien – Angewandte Sprachwissenschaft, Interkulturelle Kommunikation Psychologie, Politikwissenschaft…
https://www.linkedin.com/in/yasemin-erdogan-5289878a/